Kannst du dich vor Ghosting schützen?

Ghosting, der plötzliche Kontaktabbruch, kennt bereits jeder dritte Partnersuchende. Interview mit Paartherapeut Eric Hegmann.

Man lernt einen Menschen kennen, verliebt sich in ihn – und plötzlich meldet er sich nicht mehr. Was macht das mit dem „geghosteten“ Menschen?

Eric Hegmann: Wenn ein Phänomen für die Angst vor Unverbindlichkeit beim Kennenlernen steht, dann ist es Ghosting. Verlassen werden trifft immer mitten ins Herz. Ghosting verstärkt die Verletzung, denn es sind ja vor allem die Situationen, in denen Menschen sich hilflos und ohnmächtig fühlen, die besonders schmerzhaft wahrgenommen werden. Beim Ghosting kann ich nichts mehr tun, nichts mehr retten, nichts mehr sagen – alle meine gelernten Konfliktstrategien laufen ins Leere: der Partner ist nicht mehr erreichbar. Man wartet und hofft auf eine Erklärung. Man grübelt und verfällt in depressive Phasen. Denn das Ungeklärte beschäftigt uns ganz besonders. Das menschliche Gehirn ist neugierig und kann es nicht gut ab, wenn es keine Antwort auf seine Fragen erhält. Deshalb wünschen sich Verlassene so dringlich eine Erklärung und einen Trennungsgrund – selbst wenn der schmerzhaft wäre, die Ungewissheit fühlt sich schmerzhafter an. Wer geghostet wird, fühlt sich wie ausgelöscht, weil er mit seinen Kontaktversuchen ins Leere läuft. Das hat fatale Auswirkungen, denn Ghosting kann traumatisch erlebt werden. Stammesgeschichtlich war Verlassenwerden ein sicheres Todesurteil. Das prägt uns heute noch. Liebeskummer wird häufig belächelt, dabei kann man am „Broken Heart“-Syndrom tatsächlich sterben. Ich habe Klienten, die berichten von typischen Symptomen einer Posttraumatischen Belastung: Gewichtsverlust, Schwindel, körperliche Schmerzen, Appetit- und Schlaflosigkeit. Beim Ghosting kommen Ausgeliefertsein und Trennung zusammen.

Kann man Gründe nennen, aus denen andere ein solches Verhalten an den Tag legen und eine aufflammende Beziehung ohne ein Wort beenden?

Wer ghostet ohne Erklärung, der will sich nahezu immer schützen vor der Reaktion des Verlassenen. Das ist in den meisten Fällen sicher ein Stück weit Feigheit. Aber manchmal auch Selbstschutz. Ich kenne durchaus Fälle von Ghosting, bei denen nur der Verlassene das Gefühl hatte, eine Beziehung zu führen – der andere Partner war überzeugt, ganz deutlich gemacht zu haben, dass er kein Interesse hat. wahrzunehmen.

Spielt vielleicht Bequemlichkeit eine Rolle, die Angst vor der Reaktion des verlassenen Menschen?

Sicher ghosten Menschen auch aus Bequemlichkeit. Und weil sie es selbst bereits erfahren haben und dieses Verhalten ein Stück weit Normalität für sie geworden ist. Nach Studien und Umfragen von Parship und ElitePartner beendet fast jeder Dritte unter 30 beendet Kennenlernen standardmäßig, indem er oder sie sich nicht mehr meldet. Oft wird dieses Dating-Phänomen vor allem jungen Singles zugeschrieben – das aber ist ein Irrglaube. Denn auch jeder fünfte Single zwischen 50 und 59 Jahren ghostet unliebsame Kontakte statt Desinteresse offen zu kommunizieren. 

Hat das sogenannte Ghosting etwas mit unserem digitalen Zeitalter zu tun und tritt es öfter auf, seitdem es Dating-Apps und Co. gibt?

Was mal eben schnell mit einem Wisch beginnt, endet ebenso rasch. Nie zuvor war es so leicht, Kontakte mit anderen Menschen zu knüpfen. Und nie zuvor wurden Menschen so lange hingehalten und kommentarlos verlassen. Gleichzeitig gab es den plötzlichen Kontaktabbruch schon zu Zeiten der Kontaktanzeige im Internet und dem Telefonnummeraustausch in der Bar. Das Internet bietet die große Chance, Kontakte zu knüpfen zu menschen, denen man sonst nie begegnet wäre. Gleichzeitig kann aber ein Kontakt dort ebenso schnell wieder wie ein Geist verschwinden und nicht mehr auffindbar sein. Aber: es ist nie das Medium, das ghostet, es sind Menschen, die das tun. 

Hat Ghosting das Potential, mich für die nächste Zeit beziehungstechnisch „komisch“ zu machen? Ich kann mir vorstellen, dass das Vertrauen in Menschen generell leidet. Was, wenn der nächste sich plötzlich auch nicht mehr meldet?

Das Problem beim Ghosting ist: Menschen lernen aus Erfahrungen, so sind wir verdrahtet. Wenn wir jedoch nicht wissen, warum wir verletzt wurden, sondern nur erfahren haben, dass wir verletzt wurden, dann laufen unsere Schutzprogramme ein Stück weit verrückt: sie wissen ja nicht, wovor sie uns schützen sollen und sie schützen uns dann vielleicht ganz ungerechtfertigt vor neuen Begegnungen. Bei einer heißen Herdplatte wissen wir das, deshalb können und trauen wir uns auch nachdem wir uns mal verbrannt haben, weiterhin zu kochen. Wenn man jedoch immer wieder derartige Zurückweisungen und Verletzungen erlebt ohne Erklärung, dann geht man, bildlich gesprochen, vielleicht schon gar nicht mehr in die Küche. Je nach dem individuellen Bindungsstil entscheiden sich die eher verlustängstlichen Menschen, sich künftig noch mehr anzustrengen, sich noch mehr Liebe zu verdienen. Und die eher bindungsängstlichen, die fühlen sich bestätigt, dass sie niemandem vertrauen sollten, dass es das beste ist, niemanden an sich nahe genug heranzulassen, um nicht verletzt zu werden. So sabotieren solche Verletzungen die künftige Partnersuche gründlichst. Das ist das besonders Schlimme daran: den Betroffenen wird nicht nur das Herz gebrochen, sie verlieren auch das Vertrauen in sich und in die Partnersuche. Und weil immer mehr Menschen Ghosting machen, erleben es immer mehr – und die machen es dann ebenso, weil es ja alle machen. Und weil wir heute mehr solche Kennenlernphasen erleben als unsere Eltern, Großeltern und Urgroßeltern zusammen, bekommt der Selbstwert dadurch ganz schön viele Tiefschläge ab. Das reicht bis zu Anpassungsstörungen mit depressiver Reaktion nach einer Trennung.

Kann man diesen Argwohn irgendwie wieder loswerden? Denn das ist doch wichtig, um einen neuen Menschen kennenzulernen, oder?

Nicht jeder Kontakt wird zu einer Beziehung. Je nach Umfrage, eher jeder sechste bis zwölfte Kontakt. Das sind eine Menge Zurückweisungen und Körbe auf dem Weg zur großen Liebe. Jeder entscheidet sich ständig gegen einen Kontakt und nur in den seltensten Fällen für einen. Es braucht erheblich mehr Mut, sich im Bus neben die Person zu setzen, die man attraktiv findet, und dann womöglich nicht einfach nur aufs Smartphone zu schauen, sondern ein Gespräch zu beginnen und wenn das gut läuft, die Nummer – oder den Namen bei Instagram – zu tauschen, als weiterzugehen in die letzte Reihe und sich zu setzen und über sein Singlesein zu klagen. 

Haben Sie Mut und Vertrauen, das sind die Gegenmittel bei Verletzungen. Vor allem geht es um Vertrauen in sich selbst, nämlich heilen zu können, auch eine Zurückweisung überstehen zu können. Wer darauf wartet, wieder in andere vertrauen zu können, setzt den zweiten Schritt vor den ersten.

Kann man sich vielleicht sogar vorm Ghosting schützen?

Was höre ganz häufig in der Praxis von Betroffenen höre: Besonders vorsichtig sollten Singles wohl sein, wenn sie schon zu Beginn des Kontaktes Sätze hören wie „Ich weiß nicht recht, ob ich eine Beziehung möchte“ Denn diese Sätze sind zum einen Ankündigung des drohenden Unheils und zum anderen schon eine Entschuldigung vorab, auf die sich der andere dann auch beziehen kann, wenn er den Kontakt abbricht: Ich hatte dir doch gesagt, dass ich keine Beziehung möchte.

Aber das ist ja das Gemeine an Ghosting-Erfahrungen. Sie können sich kaum bis gar nicht schützen. Partnersuchende Können auf solche widersprüchlichen Signale achten, aber gleichzeitig agiere ich dann aus Misstrauen und Furcht. Das wiederum sorgt dafür, dass die eigenen Schutzstrategien für Distanz in der Begegnung suchen. Aber aus Distanz kann keine echte Nähe entstehen. Da werden Begegnungen dann zu Bewerbungsgesprächen, die schaffen nicht genug emotionale Kontaktflächen, um sich verlieben zu können. Wer also sich besonders schützen will, sabotiert sich gleichzeitig seine Partnersuche. 

Eric Hegmann ist Paartherapeut mit Praxis in Hamburg, Parship-Coach und Gründer der Modern Love School, der digitalen Volkshochschule der Liebe mit Online Kursen rund um Partnersuche, Liebeskummer und Paarkommunikation.

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